Teneriffa überlaufen? El Hierro zeigt, wie Winterurlaub ohne Massentourismus geht

2,3 Millionen Touristen auf Teneriffa – und ich fand die Stille auf der kleinen Schwester. Eine Einladung, die Kanaren neu zu entdecken.

Anna sitzt auf einer Lavamauer mit Blick auf das Meer, im Hintergrund die zerklüftete Küste El Hierros

2,3 Millionen Menschen – und ich bin allein

Stell dir vor: 2,3 Millionen Touristen strömten im vergangenen Winter auf die Kanaren. Die meisten drängen sich auf Teneriffa und Gran Canaria, wo die Liegen reserviert werden, noch bevor die Sonne aufgeht, wo die Hotelburgen wie Festungen die Küsten säumen und der Lärm der Diskotheken bis tief in die Nacht das Rauschen des Meeres übertönt. Ich sitze derweil auf einer alten Lavamauer oberhalb von La Restinga. Vor mir der Atlantik, hinter mir niemand. Das Einzige, was ich höre, ist das Atmen der Wellen. Und ich frage mich: Warum kennt kaum jemand diesen Ort?

Wie ich das stille Herz der Kanaren entdeckte

Vor ein paar Jahren suchte ich nach einem Ort, an dem ich meine innere Arbeit vertiefen konnte – ohne Ablenkung, ohne Konsumdruck, ohne das Gefühl, Teil einer Maschine zu sein. Ein Freund, der die Inseln bereist hatte, flüsterte mir einen Namen zu: El Hierro. Die Kleinste, die Unscheinbarste, die man oft vergisst, wenn man die Schwestern aufzählt: Teneriffa, Gran Canaria, Lanzarote, Fuerteventura, La Palma, La Gomera – und dann, fast als Nachgedanke, El Hierro.

Nur 11.000 Menschen leben hier. Es gibt kaum Hotels, keine kilometerlangen Strandpromenaden, kein Nachtleben. Während Teneriffa 2026 sogar auf der Fodor’s “No-List” landete – wegen Massentourismus und Überlastung –, wurde El Hierro als “Anti-Tenerife” bezeichnet.

Dafür gibt es versteckte Juwelen wie La Maceta, ein Naturschwimmbad im Norden der Insel, eingebettet in das fruchtbare und spektakuläre Tal El Golfo in der Gemeinde La Frontera. Drei natürliche, durch schwarze Lavasteine geformte Becken laden hier zum Baden ein – das Wasser ist türkisklar und dank der schützenden Felsen auch an bewegten Tagen ruhig und sicher. Eine komfortable Sonnenterrasse, Picknickplätze mit Grillmöglichkeiten und sogar Duschen und Toiletten machen den Ort zu einem perfekten Ziel für einen entspannten Tag mit der Familie. Oberhalb der Pools befindet sich das Restaurant La Maceta, bekannt für seinen frischen Fisch. Und der Blick von hier auf die vorgelagerten Roques de Salmor und die zerklüftete Küste ist schlicht atemberaubend.

Drei Gründe, warum El Hierro die bessere Wahl ist

Wenn du mich fragst, ob El Hierro etwas für dich ist – gerade wenn du Teneriffa schon kennst oder die Massen dort leid bist –, dann hör in dich hinein. Hier sind drei Merkmale, an denen du erkennst, ob diese Insel dein nächster Sehnsuchtsort wird:

  • Für Ruhesuchende: El Hierro ist perfekt, wenn du Massentourismus hasst. Die Insel bekommt nur etwa 30.000 Besucher jährlich – Teneriffa dagegen über 7 Millionen. Im Januar, wenn es hier 20 Grad warm ist, bist du oft der einzige Mensch am Strand. Ein Bier kostet ab 1,50 Euro. Die größte Unterhaltung ist das Rauschen des Meeres. Keine Liegenreservierung, kein Gedränge, einfach nur du und der Ozean. An Orten wie La Maceta findest du mühelosen Zugang zum Meer in völliger Abgeschiedenheit .
  • Für Naturliebhaber: Wanderer erwartet eine teils karge Vulkanlandschaft, aber auch sattgrüne Regen- und Nebelwälder. Taucher finden im Mar de Las Calmas eines der besten Tauchgebiete Europas mit Sichtweiten bis zu 50 Metern. Und wer nachts in den Himmel schaut, versteht, warum El Hierro ein Paradies für Astronomie-Fans ist – weit weg von Lichtverschmutzung.
  • Für Individualreisende: El Hierro ist nichts für Pauschaltouristen. Die Anreise ist eine kleine Odyssee – du musst über Teneriffa oder Gran Canaria fliegen und dann per Fähre (2,5 Stunden) oder Inselflieger (40 Minuten) weiterreisen. Aber genau das hält die Massen fern. Wer den Weg findet, wird belohnt: mit Einsamkeit, mit Ursprünglichkeit, mit dem Gefühl, am Ende der Welt angekommen zu sein.

Was du jetzt tun kannst

Während die großen Schwestern sich im Wettbewerb um die meisten Gäste verausgaben, hat sich El Hierro etwas viel Kostbareres bewahrt: seine Seele. Die Insel ist UNESCO-Biosphärenreservat und Geopark, aber das klingt so bürokratisch. In Wahrheit bedeutet es: Hier darf die Natur noch Natur sein. Hier darfst du noch Mensch sein.

Die beste Reisezeit? Zwischen Juni und September, wenn das Wetter ideal ist für unvergessliche Tage an den kristallklaren Gewässern. Aber auch im Winter, wenn die Sommermassen längst abgezogen sind, zeigt sich die Insel von ihrer stillsten, vielleicht schönsten Seite.

Vielleicht fragst du dich: Bin ich bereit für eine Insel, die keine Bettenburgen hat, keine Diskotheken, keinen Komfort? Die dich stattdessen einlädt, bei dir selbst anzukommen? Wenn ja, dann ist El Hierro dein Ort.

Welche Art von Urlaub suchst du wirklich – den, der dich ablenkt, oder den, der dich zu dir selbst führt?

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